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Markus Böhm
Irgendwann in den nächsten Jahren werde ich meinen 3m3 Ofen erneuern müssen, nach fast 21 Jahren und ungefähr 100 Bränden der natürliche Lauf der Dinge, insbesondere beim Salzbrand. Zu diesem „natürlichen Lauf“ gehört auch, sich immer wieder neu Gedanken zu machen, wie denn der nächste Ofen aussehen und funktionieren könnte, denn der nächste Ofen wird wie immer der beste sein.
Anfang 2006 schrieb ich an Sandy Lockwood, da sie genau das Konzept eines
Zweikammer-Ofens mit Bourry-Box Feuerung verwirklicht hatte, über das ich damals gerade nachdachte. Sandy verwies mich dann irgendwann im
Verlauf unserer Konversation an Steve Harrison, der hätte ein Buch zum Thema geschrieben und wäre auch der Ofenbauer, der ihre Öfen gebaut hätte. Ich bestellte mir das Buch „Laid Back Wood Firing“ (zu deutsch etwa „Holzbrand ganz entspannt“) und stellte Steve noch einige Fragen dazu, nicht ahnend, dass ich jemals in
meinem Leben die Gelegenheit haben könnte, Steve und Sandy selbst zu besuchen, oder, noch viel abwegiger, dass einer
der beiden jemals auf die Idee kommen könnte, mich zu besuchen.
Paul Davis fuhr uns in seinem alten Volvo von Mittagong nach Balmoral Village
durch die südöstlichen Ausläufer der Blue Mountains mit ihrer einmaligen Landschaft aus schroffen Flusstälern und Eukalyptuswäldern. Er hielt an einer unscheinbaren Eisenbahnbrücke. Unter uns eine Schmalspurbahn in einem engen und senkrecht tief nach unten
führenden Durchstich, bei dessen Bau Anfang des letzten Jahrhunderts fünf der Arbeiter ums Leben kamen – Granit. Die Bahnstrecke führt in eine Eisenerzmine, die inzwischen ausgebeutet und stillgelegt ist.
Dann endlich bei Steve und Janine fiel mir als erstes neben den schönen, großen Bäumen der vollständig (also auch von oben) eingezäunte Garten auf, wie ich später bemerkte, ein wesentlicher Teil der Lebensphilosphie von Steve und seiner
Partnerin Janine King, die sich auf weit gehende Selbstversorgung gründet. Die großen Wassertanks, die Solar-Paneele auf dem Werkstattdach, den großen Garten und die schönen selbst gebauten Möbel, dies alles zusammen kann man wohl als eine Art finanzielle Unabhängigkeitserklärung begreifen, die ihre Fortsetzung in Steves Öfen und Teeschalen findet.
Dass die Öfen selbst gebaut sind, ist selbstverständlich bei jemandem, der nebenbei auch die Öfen anderer Keramiker baut, – „hot n sticky pty ltd“ ist der Firmenname – nein auch die Feuerleichtsteine sind selbstgemacht, der Feuerfestton aus der
Umgebung selbst gegraben, die Porosität mit dem Kaffeesatz aus der Espressomaschine im Ausbrennverfahren hergestellt.
Er hätte alles Mögliche ausprobiert, aber der Kaffee ginge am allerbesten, man müsse ihn zum Aufbewahren nur gut genug trocknen.
Das erste was mir bei Steve auffiel, war seine leise, zurückhaltende Art und seine flinken, lebendigen Augen. In der Keramikwerkstatt war
offensichtlich längere Zeit nicht gearbeitet worden, Steve meinte, dafür hätte er zehntausend gute Gründe gehabt und Paul vermutete richtig, jeder davon wäre ein Dollar gewesen. In der Ofenbauwerkstatt konnten wir denn auch den glänzenden und fast fertigen Gasofen bewundern. Er selbst hat natürlich mehrere Öfen, alle mit Bourry-Box, brennt aber inzwischen fast ausschließlich im kleinsten der Öfen. Dies hängt mit seiner Leidenschaft für regional verfügbare Rohstoffe zusammen, einer Leidenschaft, die im modernen Australien von
immer weniger Kollegen geteilt wird, zumal mit RSF, TMK und Kageroo (um nur
drei zu nennen) inzwischen auch Tütentone auf dem Markt sind, die speziell für den Holzbrand (und meist auch von Holzbrennern) entwickelt wurden. Mit diesem
kleinen Ofen kann Steve seine Experimente brennen, die Versätze korrigieren, neue Teeschalen drehen und in der nächsten Woche den nächsten Brand machen. Teeschalen deshalb, weil die verwendeten Massen sehr kurz
sind, eigentlich handelt es sich meist um aufgemahlene Steine, worauf sich auch
der (leider nicht übersetzbare) Titel bezieht: throw heißt übersetzt werfen, aber auch drehen (auf der Töpferscheibe), so dass der Satz gleichzeitig bedeutet „ Sieh, wer wirft da mit Steinen“ als auch „Sieh, wer dreht da mit Steinen“. So der Titel einer Ausstellung im Sturt Crafts Centre, die trotz
Weltwirtschaftskrise und sowieso schlechter Stimmung unter den australischen
Keramikern sehr gut lief.
Um innerhalb vergleichsweise kurzer Brennzeiten starke Ascheablagerungen zu
erzielen, hat der Ofen einen verlängerten Durchgang zwischen Feuerung und eigentlicher Brennkammer. Hier erzielt
er Resultate mit einer Brennzeit von nur 16 Stunden, wie man sie sonst nur aus
dem Anagama nach 5 Tagen kennt (siehe Foto der Teeschale).
Mit Steve und Janine wird Anfang September 2009 ein Kalkspatz-Ofenbauseminar bei
mir in Alt Gaarz stattfinden, wer mich kennt, kann sich vorstellen, wie sehr
ich mich darauf freue. Ein kleiner Ofen mit Bourry-Box soll den großen nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen: für Experimente, Seminare und schnelle Bestellungen zwischendurch. Schon jetzt ist
der Austausch mit Steve bei der Ofenplanung hochinteressant. Wir wollen weite
Teile der Kammer aus hochwertigem, leichtem Feuerbeton gießen, um Holz und Zeit zu sparen und die Lebensdauer des Ofens zu verlängern, da der Feuerbeton kaum Salz annimmt. Nebenbei wollen wir auch die These
widerlegen, dass für gute Resultate im Holz/Salzbrand immer lange und mit einer Ausmauerung aus
Schwerschamottesteinen gebrannt werden muss.
„Laid back woodfiring“ in Germany.
Weitere Informationen unter
Die Bourry-Box ist eine unterzügige Feuerung, die früher in der europäischen (insbesondere deutschen und französischen) Porzellanindustrie weit verbreitet war. Emile Bourry erwähnte sie 1880 in seinem Buch „A Treatise on the Ceramic Industries of France“. Nach Australien kam diese Art der Feuerung durch Michael Cardew und Ivan
McMeekin, ausführlich beschrieben z.B. in Wood-fired Ceramics (Minogue/Sanderson) oder Laid
Back Woodfiring von Steve Harrison. Knapp die Hälfte der australischen Holzbrandöfen ist mit dieser Art der Feuerung ausgestattet.
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Steve Harrison
Foto: Arthur Rosser
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Die Werkstatt
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Einer von Steves Ofenbauten
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Teeschale mit dicken Ascheablagerungen nach 16 Stunden Brennzeit
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