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Anagama Adé

von Antje Kaden

Johannes Mann, Markus Böhm, Armin Rieger, Alexander von Stenglin, Ute Dreist und Birke Kästner sind erfahrene Holzbrenner. Fasziniert von dieser Art zu brennen, finden sie sich mit Rainer Fink und Bernadette Maria Roolf in dem kleinen mecklenburgischen Dorf Wessin zusammen. Acht Individualisten verbinden sich zu einer Gemeinschaft, die so heute selten geworden ist.

Die Idee – Abschied oder Neubeginn?
In der traditionellen japanischen und koreanischen Keramikkunst steht Anagama für Epochen und Stilrichtungen, die eng mit Religion, Kultur und Kunst verwoben sind.
Auch der Wessiner Anagama steht für zwei Epochen der jüngsten Vergangenheit: Groß soll er sein, dieser Ofen nach japanischem Vorbild, als Johannes Mann ihn 1989/90 baut.
Selbst die Möglichkeit, den Ofenraum nochmals zu vergrößern, wird beim Bau bedacht. Unendlich groß ist damals auch der Bedarf an kunsthandwerklicher Keramik.
Doch viele Bedingungen für die Keramiker verändern sich in den Jahren nach der Wende. Der Absatz wird nicht mehr planbar, die Vermarktung immer zeitaufwändiger und Arbeitslöhne steigen enorm an. Bald zeigt sich, dass ein Ofen mit mehr als 3m3 Brennraum und der enormen Brenndauer von drei Tagen zu kräftezehrend für einen Ein-Mann-Betrieb ist. Mit verkleinertem Brennraum findet 2000 der letzte Brand statt.
Im Frühsommer 2003 ist der Anagama als Brennofen kaum noch zu erkennen. Mit wilden Rosen umwachsen und von einem abgestürzten Schutzdach bedeckt, ist an seine Nutzung nicht zu denken.
Wie soll es weiter gehen? Abriss oder Wiederbelebung des kräftefordernden Feuerungetüms? Denn unverwechselbar und faszinierend ist der Ausdruck des Flammenspiels, mit dem dieser Ofentyp die Oberfläche der gebrannten Erde prägt. Der Holzascheanflug bringt wunderbare Färbungen in einer unbeschreiblichen Vielfalt. Die Idee von einem gemeinsamen Brand nimmt Gestalt an. Verlockend ist die Überlegung, mit erfahrenen Holzbrennern noch ein letztes Mal diesem Ofen feuergezeichnete Keramik abzuringen.
Armin Rieger und Markus Böhm leiten dieses Wagnis. So vieles ist im Vorfeld zu bedenken. Und viel Kraft erfordert es, den Anagama wieder in voller Größe funktionstüchtig zu machen: schadhafte Stellen ausbessern, Schornstein setzen, neues Schutzdach aufbauen und ausreichend Holz besorgen.
Keiner, außer Johannes Mann, hat bisher Erfahrungen mit einem Ofen solchen Ausmaßes. Fragen werden formuliert: Wie gestalten Feuer und Asche bei dieser sehr langen Brenndauer die Oberflächen? Wie verhalten sich die unterschiedlichen Tone? Welche Ergebnisse bringen Glasuren, Metallsalze, Oxide oder verschiedene Pflanzenaschen? Wie steht die ungeschrühte Ware im Brand? Wie dicht soll dieser Ofen gesetzt werden um einen optimalen Zug zu erhalten? Und nicht zuletzt: Wie viel Holz wird wohl verheizt?
Das Besondere – ein unzeitgemäßer Aufwand?
Anders als beim Brennen im Elektro- oder Gasofen erfordert der holzbeheizte Ofen einen enormen Kraftaufwand. Ein ganzheitlicher Prozess wird hierbei in Gang gesetzt. Das Zusammenspiel von Material, Lage der Stücke im Brennraum, Temperatur, Ascheanflug und der Wechsel der Atmosphären bringt die spezielle Ästhetik der Oberflächen. Trotz aller Vorausschau ist das Ergebnis nicht vorhersehbar und der Brand eine Herausforderung.
Das Einfühlen in diesen Gesamtablauf verbindet die Keramiker ebenso wie der Wille, der Zeit ihren Raum zu geben und Rückschlüsse und Erkenntnisse aus dem Verlauf zu ziehen. Hinzu kommt der Reiz des Gemeinschaftlichen an diesem Projekt, der fachliche Austausch und die Erfahrung im Umgang mit den Kollegen in der unmittelbaren Auseinandersetzung.
Nach vielen Vorbereitungen ist es endlich soweit. Der Ofen ist wieder funktionstüchtig, und die Aktion beginnt. Am Morgen des 15. April 2004 treffen sich alle Teilnehmer. Bevor es an das Einsetzen geht, wird vieles noch vorbereitet: Schnell wird das Schutzdach fertig gedeckt, der Schornstein etwas höher aufgemauert, Steine gesägt, Brennplatten mit Trennmittel eingestrichen. Mit gespannter Freude werden all die Kleinigkeiten erledigt, die im Vorfeld nötig sind.

Das Einsetzen – Konzentration
und Vorausschau
Geschrühte und ungebrannte Keramik aus allen acht Werkstätten bedeckt die Wiese vor dem Anagama. Eine Vielfalt unterschiedlicher Tone ist zu sehen: Frohnsdorfer und Westerwälder Steinzeugton, Hart- und Weichporzellane, sächsische und französische Tonproben. Sparsam sind Lehm- und Spatglasuren, verschiedene Engoben, Metallsalze und vereinzelte Schwärzungen oder Strukturen aufgebracht. Zu sehen sind überwiegend gedrehte Formen und einige gebaute. Formexperimente sind kaum dabei – hier geht es eher um nachvollziehbares Ausprobieren von Rohstoffen. Ohne zusätzliches Salzen soll nur die Reaktion von Ton und Holzasche die Oberfläche gestalten.
Am Nachmittag des ersten Tages beginnt das Einsetzen. Acht verschiedene Handschriften prägen die Gefäße, die den Ofen füllen sollen. Die Holzbrenner beginnen ein unendliches Geduldsspiel. Viele Überlegungen beeinflussen den Einbau: In der ersten oder zweiten Feuerzone oder gar im Fuchs? Stehend oder liegend, mit welcher Seite zur Flammenführung? Anfangs hocken bis zu drei Personen im kalten unbequemen Ofen und reichen die Keramik weiter. Hier wird ausgewählt, gemessen, angepasst und dabei die Verantwortung für die Gefäße der Kollegen mit bedacht. Manche Keramik wandert mehrmals in den Ofen und wieder hinaus, immer mit der Überlegung den Platz optimal zu nutzen sowie der Hoffnung auf ein bestmögliches Brennergebnis. Am Abend des ersten Tages ist ein Drittel des Ofens gefüllt. Erst am Nachmittag des 3. Tages wird der Eingang vermauert. Bedenken werden laut: Ob der Ofen nicht zu voll ist? Hat er genug Zug? Kann die Temperatur auch hinten gehalten werden?
Das Brennen – Rhythmus und
Dynamik
Mit Spannung wird am frühen Abend das Vorfeuer entzündet und bis nach Mitternacht gefeuert. Am nächsten Morgen folgt das Brennen in Zweier-Schicht für je 6 bis 8 Stunden. Nun bestimmt der Ofen den Rhythmus von Holz sägen, spalten, stapeln und nachlegen im richtigen Augenblick. Die Gedanken verschmelzen mit dem Feuer. Jetzt heißt es sich nicht antreiben lassen, heißt es, eins sein mit der Materie und den Elementen und im rechten Moment zu steuern oder zu lassen. Jetzt zeigen sich die Erfahrungen der Holzbrenner.

Wider Erwarten reagiert der Ofen schnell und gut. Ruhig und stetig fällt ein Pyrometer-Kegel nach dem anderen. Mit Spannung wird das Erscheinen des »Fuchses« erwartet. Endlich lodert – weithin in die Nacht sichtbar – der Feuerschweif aus dem Schornstein. An ihm lässt sich gut der Wechsel von reduzierender und oxidierender Atmosphäre beim Feuern erkennen. Ein eigener Rhythmus entwickelt sich: nachlegen – Kontrollblick zum Schornstein – nachlegen – Kontrolle…, immer mit der Gewissheit, dass die nächste Schicht zur Ablösung kommt. So gestaltet sich die Anstrengung entspannt. Da wird schon mal auf die Heimfahrt verzichtet, um nach kurzem Schlaf im unbequemen Auto in der kommenden Schicht das Fallen der nächsten Kegel mitzuerleben. Ohne Zeitdruck oder Angst vor Kräfteverschleiß entsteht eine ganz andere Arbeitsatmosphäre als zu Hause am eigenen Ofen. Prognosen werden aufgestellt und voller Spannung werden Ergebnisse vorausgehofft. Schöne feuergezeichnete Keramik soll diesen hohen Kraftaufwand bei der Auseinandersetzung mit Erde, Feuer und Luft rechtfertigen.
Nach gut 18 Stunden Brenndauer fällt der 135er Pyrometerkegel. 1350°C sind erreicht. Nun heißt es die Temperatur zu halten, auszugleichen und viel Holzasche zu erzeugen. Nach etwa 32 Stunden stürzt eine Teeschale ab und wird durch ein Feuerloch geborgen. Es zeigt sich: Für die gewünschten Oberflächen braucht es noch viel Holzasche. Nach weiteren 7 Stunden und einer Ziehprobe fällt die Entscheidung, noch eine Reduktionsphase einzulegen. Nochmals folgen 7 Stunden Feuerung. Der Brand ist nach 3 Tagen beendet. Zur langsameren Abkühlung und intensiven Reduktion wird die obere Schornsteinöffnung abgedeckt.
Das Ausnehmen – Rückschau auf Erfahrenes
Ganz in Ruhe kühlt der Ofen über mehrere Tage ab. Keine Ungeduld soll die Ergebnisse beeinträchtigen. Zwei Wochen nach Beginn des Projektes treffen sich alle Beteiligten wieder. Mit Spannung erfolgt das Öffnen der vermauerten Ofentür. Alle möchten den ersten Blick in den Anagama werfen. Wessen Prognosen haben sich erfüllt? Von Hand zu Hand wandern die Stücke aus dem Ofen. Die eigenen Arbeiten werden mit Spannung erwartet und mit Neugier auf die der Kollegen geschaut. Manche Ergebnisse übertreffen die Erwartungen, manche Vorausschau hat sich nicht bestätigt.
Und wieder bedeckt sich die Wiese vor dem Anagama mit Keramik. Doch jetzt stehen die Keramiker länger davor und diskutieren ausgiebig über das eine oder andere Stück. Das Setzen und der Brandverlauf werden nochmals rekonstruiert, Rückschlüsse gezogen und Erfahrungen verglichen.
Eine relativ gleichmäßige Temperaturverteilung im gesamten Brennraum durch die 2. Feuerung ließ sogar im Fuchs die Temperatur unerwartet hoch steigen. Neben wunderschönen Feuerzeichnungen, oft an überraschenden Stellen der abgewandten oder unteren Seiten, sind etliche recht dunkle und relativ unspektakuläre Stücke entstanden.
Auch schlägt sich das offensichtlich noch im Ofen befindliche Salz vergangener Brände unerwartet stark auf den Scherben nieder. Vereinzelt ist durch Überreduktion die Glasur kristallisiert, Befall gibt es wenig und Bruch kaum. Problematisch hat sich bei einigen wenigen Stücken die angewandte Setztechnik erwiesen. Doch das gehört auch zu den Erfahrungen, die aus dem Projekt gewonnen werden.

Anagama Adé – Neubeginn statt Abschied
Das Bändigen der Urelemente in dieser gemeinsamen Zeit, die besondere Atmosphäre und der körperliche Einsatz haben sich gelohnt. Eine wunderbare Mischung aus Erfahrung, Neugier, Emotion, Respekt und viel Spaß lässt dieses Projekt zu einem ganz besonderen Erlebnis für alle Teilnehmer werden. Gemeinsam heißt es Abläufe zu strukturieren und Entscheidungen zu fällen, die sonst jeder Einzelne für sich allein zu verantworten hat.
Anagama Adé – hieß es zu Beginn, bald steht dahinter ein Fragezeichen und heute ist es gewiss: Aus dem Abschied wird eine Wiederbelebung.
Es ist eine besondere Atmosphäre um das Werden und Entstehen der holzgebrannten Keramik. Wer sich einmal darauf eingelassen hat kann sich dieser Faszination schwer entziehen. Mit einem beeindruckenden gemeinschaftlichen Gefühl gehen die Keramiker auseinander und kommen ein halbes Jahr später zu einem weiteren gemeinsamen Brand in Wessin wieder zusammen. Diesmal fließen die Erfahrungen vom Frühjahr mit ein. Drei Keramiker stellen neben dem Steinzeug etliche Porzellanstücke in den Ofen.
Mit gespannter Erwartung wird wieder schöne feuergezeichnete Keramik erhofft.
Wie schon im Frühjahr kommen auch diesmal keramikinteressierte Gäste. Besonders in Erinnerung bleibt dabei der Besuch des außergewöhnlichen japanischen Keramikers Kurouemon Kumano. Er brennt seine Keramik im Anagama bei Temperaturen um 1520°C. Von seiner ersten Ausstellung außerhalb Japans in Höhr-Grenzhausen findet er quer durch Deutschland den Weg in die abgelegene Mecklenburger Landschaft und zeigt Interesse und Respekt an diesem Gemeinschaftsprojekt.
Der zweite Brand bringt vor allem wunderschöne Porzellanstücke, weitere Erkenntnisse und neue Überlegungen zur Steuerung des Brennverlaufes. Jeder Einzelne geht nun mit den gewonnenen Erfahrungen aus dieser besonderen Form der Zusammenarbeit in seine Werkstatt zurück.
Es bleibt die Hoffnung, dass sich auch in Zukunft Keramiker in Wessin einfinden, um im Zusammenspiel der Urelemente feuergezeichnete Keramik entstehen zu lassen.


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